Am Capo Vaticano schien das Meer am frühen Nachmittag genau die Farbe zu haben, die die Fotografien versprochen hatten.
Von der Bank im Schatten der Pinie sah man die Küste, die steil zum Wasser abfiel, die hellen Buchten zwischen den Felsen und weiter draußen die Umrisse der Inseln, verschwommen im Dunst. Der süße Duft reifer Feigen vermischte sich mit Harz und salziger Meeresluft.
Er war an diesem Morgen angekommen und hatte getan, was er fast immer tat, wenn er einen neuen Ort besuchte: Er war umhergegangen, hatte Schilder gelesen, die vor der Abreise vorgemerkten Stellen gesucht und viel mehr fotografiert, als er gern zugegeben hätte.
Jetzt blätterte er auf seiner Kamera durch die Aufnahmen.
Eine war besonders gelungen. Die Küste ragte von links ins Bild, das Meer nahm fast den gesamten übrigen Raum ein, und ein kleines Boot machte die Entfernung spürbar. Er betrachtete sie zufrieden, dann musste er lachen: Sie war beinahe identisch mit der Fotografie aus dem Reiseführer.
Er blickte auf.
Er konnte sich wirklich nicht beklagen. Capo Vaticano war großartig, in Wirklichkeit vielleicht sogar noch schöner. Die Menschen, die ihm davon erzählt hatten, hatten nicht übertrieben, und auch die Fotografien hatten nicht gelogen. Dennoch stellte er nach einem Vormittag voller Spaziergänge, Lektüre, Beobachtungen und Fotos etwas verlegen fest, dass nichts Besonderes geschehen war.
Natürlich gab es keinen Grund, warum etwas hätte geschehen sollen. Er war gekommen, um einen wunderschönen Ort zu sehen, und hatte einen wunderschönen Ort vorgefunden. Vielleicht lag genau darin das Problem: Vor seiner Ankunft hatte er ihn sich so oft vorgestellt, dass der Wirklichkeit nur die ziemlich undankbare Aufgabe blieb, ihn zu überraschen.
Er schaltete die Kamera aus.
„War das alles?“, murmelte er.
Gleich darauf lächelte er über seinen eigenen Anspruch. Was hätte es denn sonst noch geben sollen?
Er lehnte sich zurück, und erst da nahm er den Felsen wirklich wahr.
Nicht weit vom Aussichtspunkt ragte er zum Meer hinaus. In der vor Hitze flimmernden Luft schien der Granit seine Form zu verändern, je nachdem, wie er ihn betrachtete. Die Spitze konnte ein leicht geneigter Kopf sein; einige Büsche zeichneten etwas, das einem Bart ähnelte, und zwei große Vorsprünge wirkten wie die Schultern eines Riesen, der vor dem Horizont saß.
Er kniff die Augen zusammen.
Jetzt sah er ihn deutlich.
„Du hast dir wirklich einen guten Platz ausgesucht.“
Die Zikaden zirpten weiter. Die Hitze machte seine Lider schwer, und er schloss die Augen, nur um sie kurz auszuruhen.
„Ich habe ihn nicht ausgesucht.“
Ruckartig öffnete er sie wieder.
Er blieb reglos sitzen und lauschte. Dann sah er zum Weg, über die niedrige Mauer und hinter die Bank. Niemand war da.
Er dachte, er sei eingeschlafen.
„Ist da jemand?“
„Du hast mich angesehen.“
Diesmal war die Stimme vom Felsen gekommen.
Er stand auf. Ging ein paar Schritte zur Mauer und blieb stehen.
Vor ihm waren nur Granit, Büsche und jene seltsame Gestalt, die ihn kurz zuvor amüsiert hatte.
„Moment mal. Hast du gerade gesprochen?“
„Du hast zuerst gesprochen. Es wäre unhöflich gewesen, nicht zu antworten.“
Der Mann starrte ihn weiter an.
Noch einmal suchte er zwischen den Bäumen nach jemandem, dann wandte er sich wieder dem Felsen zu.
„Aber du bist ein Stein.“
„Ein Felsen.“
Er brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, dass die Berichtigung ernst gemeint war.
„Das soll jetzt das Wichtige sein?“
„Für mich durchaus.“
Ihm entfuhr ein Lachen, mehr aus Ungläubigkeit als aus Belustigung.
„Ich träume.“
„Kann sein.“
„Und du weißt es nicht?“
„Es ist dein Traum.“
Der Mann fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Er suchte nach einem Lautsprecher im Gebüsch, nach jemandem hinter den Pflanzen, nach irgendetwas, das wieder ein wenig Ordnung in die Situation bringen konnte.
Schließlich setzte er sich wieder.
„Gut. Tun wir so, als wäre das normal.“
„Das ist nicht nötig.“
„Was?“
„Dass es normal ist.“
Der Mann sah den Felsen an und lächelte.
„Da sind wir uns einig.“
Weit vor der Küste fuhr ein Boot vorbei. Der Mann folgte ihm mit den Augen, bis es hinter dem Felsen verschwand.
Dann sah er wieder zu dem Riesen.
„Hast du einen Namen?“
Die Antwort ließ auf sich warten.
„Ich habe welche gehabt.“
„Und welchen benutzt du jetzt?“
„Meistens keinen.“
„Ich nehme an, es fragen nicht viele danach.“
„Nein.“
Der Mann wartete, aber der Felsen schien alles gesagt zu haben.
„Also?“
„Vor langer Zeit nannte mich jemand den Wächter.“
„Wächter wovon?“
„Das hat er mir nicht gesagt.“
Die Antwort überraschte ihn.
„Und du hast nicht gefragt?“
„Damals habe ich nicht viel gesprochen.“
Der Mann lächelte.
„Und jetzt?“
„Kommt darauf an, wer stehen bleibt.“
Diesmal war er es, der das Gespräch ruhen ließ.
Er nahm die Kamera und richtete sie, fast zum Spaß, auf den Felsen.
„Darf ich dich fotografieren?“
„Wahrscheinlich hast du das schon getan.“
Er sah die Aufnahmen vom Vormittag durch. Auf einer war am rechten Bildrand tatsächlich der Felsen zu sehen.
„Stimmt.“
Er vergrößerte das Bild.
„Und ich hatte nicht einmal bemerkt, dass du da warst.“
Der Wächter antwortete nicht.
Der Mann betrachtete die Fotografie weiter. Er hatte den Ausschnitt sorgfältig gewählt, gewartet, bis ein Boot die richtige Stelle erreichte, und sogar überprüft, ob der Horizont gerade war. Der Felsen dagegen war zufällig ins Bild geraten.
„Ich habe seit heute Morgen bestimmt fünfzig gemacht.“
„Du fotografierst gern.“
„Sehr.“
„Dann sind es nicht zu viele.“
Beinahe überrascht blickte der Mann auf.
„Ich dachte, du würdest mir sagen, ich soll aufhören und den Augenblick genießen.“
„Warum?“
„Keine Ahnung. So etwas sagen weise Menschen doch.“
„Ich kenne nicht viele.“
Er lachte.
„Du enttäuschst mich. Ein uralter Felsen, der spricht, und keine einzige große Wahrheit.“
„War das alles?“
Der Mann erkannte seine eigenen Worte und brach in Lachen aus.
„Den Satz hattest du vorbereitet.“
„Erst seit Kurzem.“
Das Gespräch ging weiter, ohne dass der Mann hätte sagen können, wann er aufgehört hatte, es absurd zu finden, mit einem Felsen zu sprechen.
Er erzählte ein wenig von seiner Reise, von den Orten, die er an diesem Morgen besucht hatte, und von denen, die er noch sehen wollte. Der Wächter hörte mehr zu, als er sprach, und kam hin und wieder auf Einzelheiten zurück, die der Mann fast beiläufig erwähnt hatte.
So kam die Geschichte mit der Kirche zur Sprache.
Jahre zuvor war er fast vierzig Minuten durch den Regen gelaufen, um eine Kirche zu erreichen, die laut Reiseführer unbedingt sehenswert war. Als er ankam, war sie geschlossen.
„Ich habe mindestens zehn Minuten davor gestanden. Als könnte ich die Tür zum Öffnen überreden, wenn ich sie nur lange genug anstarrte.“
„Hat es funktioniert?“
„Es fing stärker an zu regnen.“
Der Wächter sagte nichts, und der Mann lachte bei der Erinnerung.
„Am Fenster des Hauses gegenüber stand eine Frau. Sie beobachtete mich die ganze Zeit. Am Ende blieb sie, glaube ich, nur noch, um zu sehen, wie lange ich durchhalten würde.“
„Wer hat gewonnen?“
„Sie. Als das Wasser in meine Schuhe lief, gab ich auf.“
Die Erinnerung war mit erstaunlicher Genauigkeit zurückgekehrt: die dunkle Tür, das Wasser, das die Straße hinablief, sogar die Vorhänge am Fenster.
„Das Absurde ist, dass ich diese Kirche nie gesehen habe.“
„Aber du bist noch dort.“
Der Mann wandte sich dem Felsen zu.
„Wo?“
„Vor der Tür.“
Er dachte darüber nach.
„Ja. Eigentlich schon.“
Unter ihnen bewegte sich das Meer, und die Luft war voller Zikaden.
„Vielleicht hatte ich heute etwas in dieser Art erwartet.“
Der Wächter ließ einige Sekunden verstreichen.
„Eine geschlossene Kirche?“
Der Mann lachte.
„Nein. Etwas, das ich noch nicht kannte.“
Der Felsen schwieg so lange, dass er glaubte, er würde nicht antworten.
Dann sagte er:
„Vor langer Zeit blieben zwei Männer hier stehen.“
Der Wächter erinnerte sich nicht an ihre Namen. Einer war von weit her gekommen und hatte sich jahrelang gewünscht, dieses Meer zu sehen. Er sprach voller Begeisterung davon: Er zeigte auf die Inseln, die Farben des Wassers, die Küste. Es sei noch schöner, sagte er, als er es sich vorgestellt hatte.
Der andere hatte ihm eine Weile zugehört.
Dann hatte er ihn gefragt, warum er gekommen sei.
„Wegen der Aussicht, nehme ich an.“
„Mehr oder weniger.“
Der Mann lächelte. „Eine einfache Frage.“
„So schien es.“
Der Wächter erzählte, dass der andere auf das Meer gezeigt hatte. Wenn er deshalb gekommen sei, hatte er gesagt, dann habe er es gefunden. Es lag direkt vor ihm und war sogar noch schöner, als er gehofft hatte.
Und doch redete er weiter, als wartete er noch auf etwas.
Der Mann hörte auf, mit seiner Kamera zu spielen.
„Und was hat er geantwortet?“
„Nichts.“
„Nichts?“
„Nach einer Weile gingen sie fort.“
Der Mann sah aufs Meer, dann zum Felsen.
„Und du bist geblieben.“
„Ich bleibe.“
Diese beiden Worte klangen für ihn anders.
„Hast du darüber nachgedacht?“
„Hin und wieder.“
„Wie lange?“
„Nach eurer Art zu zählen könnte ich es dir nicht sagen.“
Der Mann lächelte.
„Und nach all dieser Zeit hast du noch immer nicht verstanden, worauf er wartete?“
„Ich habe viele Antworten gehört.“
„Aber welche ist die richtige?“
Der Wächter schwieg einen Moment.
„Wenn ich das wüsste, hätte ich aufgehört zuzuhören.“
Der Mann sah ihn unverwandt an.
Dann erschien langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht.
„Endlich.“
„Was?“
„Der weise Spruch. Ich dachte schon, er würde nie kommen.“
„Tut mir leid.“
„Warum?“
„Er ist mir versehentlich herausgerutscht.“
Der Mann lachte.
Ein Boot durchquerte das Meer unter ihnen. Er nahm die Kamera und suchte den Bildausschnitt. Wartete, bis es die richtige Stelle erreichte, legte den Finger auf den Auslöser und schloss ein Auge.
Als er es wieder öffnete, stand die Sonne tiefer.
Die Kamera lag noch in seinen Händen. Vor ihm war das Meer, und der Duft der Feigen hatte sich nicht verändert.
Auch der Felsen war noch da.
Granit, Büsche, Schatten.
Er sah ihn an.
Einige Sekunden lang sah er nichts anderes.
Dann neigte er den Kopf ein wenig.
Ein Vorsprung wurde zur Schulter. Weiter oben erschien der Umriss eines Kopfes, und die Büsche zeichneten wieder einen Bart.
Der Riese war noch da.
Er sagte nichts.
Der Mann hob die Kamera, hielt jedoch inne, noch bevor er sie ans Auge geführt hatte.
Er ließ die Hände sinken.
Er blieb einfach stehen und sah ihn an.
Als er auf den Bildschirm sah, war das Boot längst weit entfernt. Er hatte nicht ausgelöst.
Stattdessen fand er die Fotografie vom Vormittag wieder.
Der Felsen war noch immer am Bildrand, beinahe abgeschnitten.
Dieselbe Fotografie.
Derselbe Felsen.
Und doch fiel sein Blick jetzt sofort auf ihn.

Er schaltete die Kamera aus.
Ein Stück weiter teilte sich der Weg. Ein Schild wies zu einem weiteren Aussichtspunkt, den er sich vor der Abreise notiert hatte. Er wusste, wie weit er entfernt war, hatte Fotos gesehen und erinnerte sich sogar, von welcher Seite die Aussicht am besten war.
Auf der anderen Seite führte ein schmalerer Weg zwischen Feigenbäumen und mediterraner Macchia hinab.
Dort stand kein Schild.
Er sah auf das Schild, dann auf den schmalen Weg.
Fast aus Gewohnheit zog er sein Telefon heraus und entsperrte es.
Er sah auf den Bildschirm.
Dann steckte er es wieder ein.
Hinter ihm blickte der Wächter weiter aufs Meer.
Er nahm den schmalen Weg.
