Lange blieb ihm diese unscheinbare Geste vor Augen: eine Hand, die beinahe das Netz erreicht hatte und dann zurückgesunken war.
Er wusste nicht, warum er immer wieder daran dachte. Vielleicht gerade deshalb, weil er keine Erklärung gefunden hatte.
Auch als er zum Aussichtspunkt zurückkehrte, erzählte er nicht, was er gesehen hatte. Er blieb an der niedrigen Mauer stehen, während der Wächter weiter aufs Meer blickte, und sah dann zur Straße, die ins Landesinnere hinaufführte.
„Und jetzt?“
„Was jetzt?“
„Wohin soll ich gehen?“
Der Wächter schien nachzudenken.
„Ich weiß es nicht.“
Der Mann sah ihn an.
„Sehr hilfreich.“
„Ich mache Fortschritte.“
Er lachte.
Dann sagte der Wächter, weiter im Landesinneren verlaufe eine alte Bahnstrecke.
„Und was gibt es dort?“
„Eine alte Bahnstrecke.“
Diesmal lachte er richtig.
Als er weiterging, fiel ihm die alte Bahnstrecke wieder ein.
Die Straße führte vom Meer weg, vorbei an Feldern, niedrigen Mauern, einzelnen Bäumen und Abschnitten, die nur dazu da zu sein schienen, einen Ort mit einem anderen zu verbinden. Es gab keine Panoramen zum Fotografieren und keine Gebäude, die sofort ins Auge fielen.
Als er die Gleise fand, folgte er ihnen.
Das Bahnwärterhaus tauchte ein Stück weiter neben den Gleisen auf, und er erkannte es, noch bevor ihm klar war, warum es ihm so vertraut vorkam. Nichts hob es hervor: Die Proportionen, die Öffnungen, sogar die Art, wie es neben den Gleisen stand, erinnerten ihn an Gebäude von Reisen, von denen ihm nur noch verschwommene Bilder geblieben waren.
Er blieb vor der Fassade stehen.
Trotz des abgetragenen Putzes, der freiliegenden Ziegel und der Teile, die die Zeit fortgenommen hatte, bewahrten die Öffnungen eine erkennbare Ordnung. Unter diesen Wunden blieb etwas Regelmäßiges, fast Vorhersehbares, als zeigte das Gebäude noch immer den Entwurf, aus dem es entstanden war.
Langsam ging er um das Gebäude herum.
Aus der Nähe wurde diese Regelmäßigkeit noch deutlicher. Die Fenster schienen nach einem genauen Maß angeordnet, die Öffnungen wiederholten sich ohne Anspruch auf Eleganz, und selbst die Putzreste ließen einen Bau erkennen, der anderen Bauten gleichen sollte.
Er ging an einem Fenster vorbei, dann an einer Tür. Nach ein paar Schritten drehte er sich um und sah sie erneut an. Nichts verdiente eigentlich einen zweiten Blick, und doch ging er immer langsamer.
Auf der anderen Seite fand er ein weiteres Fenster, ein weiteres Stück Mauer, eine weitere leere Öffnung. Einen Moment lang meinte er, diese Abfolge schon gesehen zu haben, konnte sich aber nicht erinnern, wo.
Er hätte sich vorstellen können, wer in diesen Räumen gewohnt hatte, ein Leben hinter den Fenstern rekonstruieren, Aufbrüche und Heimkehr erfinden. Er tat es nicht. Er ging weiter um das Gebäude.
Als er wieder zu der Tür kam, an der er kurz zuvor vorbeigegangen war, sah er sie erneut an.
Nichts.
Er wollte gerade weitergehen, als er den Blick senkte.
Da bemerkte er die Schwelle.
Die Stufe vor der Tür war vor allem in der Mitte abgetreten. An den Rändern war der Stein noch uneben, doch dort, wo man beim Eintreten auftrat, war er niedriger und erstaunlich glatt geworden.
Er bückte sich und strich langsam mit einem Finger über die abgetretene Stelle.
Jemand war hier entlanggegangen, und das musste lange genug geschehen sein, dass ein Stein noch die Spur dieser Schritte trug.
Er richtete sich auf und betrachtete das Gebäude erneut. Doch die Vertrautheit vom ersten Augenblick erschien ihm jetzt anders. Wie viele solcher Bahnwärterhäuser mochten entlang der Strecken gebaut worden sein, vermutlich alle nach ähnlichen Maßen, denselben Proportionen, vielleicht sogar demselben Plan?
Er wollte es nachprüfen.
Er griff zur Tasche und berührte das Telefon, hielt dann aber inne.
Er ließ es, wo es war.
Er betrachtete die Schwelle erneut.
Wenn diese Bahnwärterhäuser tatsächlich gleich gebaut worden waren, musste auch diese Stufe anfangs vielen anderen geglichen haben: mit scharfen Kanten, rauer Oberfläche, ohne Spur an der Stelle, an der der Stein jetzt fast poliert wirkte.
Er versuchte, sie sich so vorzustellen, und sah dann wieder auf das, was vor ihm lag.
Welcher Schritt hatte sie verändert?
Die Frage kam ihm fast spielerisch, doch sie blieb.
Der erste hatte gewiss nicht genügt, und auch die unmittelbar folgenden nicht. Vielleicht waren Hunderte Schritte nötig gewesen, vielleicht Tausende, und niemand, der durch diese Tür gegangen war, hatte bemerkt, dass sich unter seinen Füßen langsam etwas veränderte.
Er versuchte, einen dieser Schritte herauszugreifen, doch jeder Versuch erschien ihm sinnlos. Alle waren zu gering, um es allein bewirkt zu haben, und zugleich ließ sich keiner ganz ausschließen.
Er setzte einen Fuß auf die Stufe und betrachtete seine Schuhspitze auf dem glatten Stein. Dann betrat er das Bahnwärterhaus, sah sich an, was innen geblieben war, und kam wieder heraus.
Bevor er ging, wandte er sich noch einmal zur Tür.
Sein Schritt hatte keine Spur hinterlassen.
Natürlich.
Und doch begleitete ihn die Frage, als er seinen Weg fortsetzte.
Auf dem Rückweg fiel ihm auf, dass er mindestens dreimal darauf geachtet hatte, wohin er trat. Er suchte nichts und bemerkte es immer erst hinterher.
An einer Gabelung erkannte er die Straße, die ihn zum Aussichtspunkt zurückführen würde.
Er sah sie an.
Dann ging er in die entgegengesetzte Richtung weiter.
Einige Zeit später kam er an einem alten Gebäude vorbei, das nichts mit einer Bahnstrecke zu tun hatte.
Er ging ohne besondere Aufmerksamkeit, als er vor der Tür langsamer wurde. Er ging noch ein paar Schritte, blieb dann stehen und kehrte um.
Vor dem Eingang lag eine steinerne Schwelle.
Er bückte sich.
Auch sie war in der Mitte abgetreten.
Er berührte sie mit zwei Fingern und folgte der glatten Oberfläche.
Er suchte keine Geschichte.
Dann richtete er sich auf.
Bevor er weiterging, sah er noch einmal auf die Schwelle.
Er fragte sich nicht, wer hier entlanggegangen war.
Er fragte sich, welcher Schritt.
Und ging weiter.

